Category: ARCHIV RADTOUREN


Von Bariloche nach Ushuaia

Irgendwo tief in meinem Hinterkopf geistert seit meiner Begegnung 2013 mit einem italienischen Radfahrer in Finnland, der mir von seiner Tour auf der Carretera Austral erzählt hat, die Destination „Patagonien“ herum.

Durch einen Artikel in der Zeit, den mir unser Sohn Julian zugespielt hat, bin ich auf das „Andes Race“ aufmerksam geworden . Seit 1. August dieses Jahres fährt eine internationale Gruppe von Quito in Ecuador durch den südamerikanischen Kontinent mit dem Ziel „Fin del Mundo“ in Ushuaia, der südlichsten Stadt der Welt am Beagle-Kanal in Argentinien.

Rund 11000 km sind auf diesem Wege zurückzulegen um am 14. Dezember das Ziel zu erreichen. Nach Gesprächen mit den holländischen Organisatoren und einem 10-tägigen Fitness-Check im Hohen Atlas in Marokko, habe ich mich aktuell entschieden, das „Endstück“ von rund 3000 km mitzufahren.

Ich fliege am 10. November über Buenos Aires nach Bariloche um am 14. November auf die Strecke zu gehen. Gerade eben habe ich mein Mountain-Bike (nicht der „Blaue Elefant) generalüberholt bei Tino Hasenstab abgeholt. Die Vorbereitungen sind am Laufen und die Vorfreude nimmt mit viel Respekt jeden Tag deutlich zu.

97 km / 78 hm / 6:22 h – Gesamt 4249 km / 25358 hm / 264:22 h

Nach der langen Schiffspassage ging es flugs an die Bahn am Skandinavienkai in Travemünde. Über Lübeck und Hamburg war ich gegen 7:00 Uhr morgens endlich am Frankfurter Hauptbahnhof. Der wundbare Morgen und die vielen Stunden der Unbeweglichkeit brachten mich zu der Entscheidung am Main entlang nach Hause zu fahren und meinen Zug nach Aschaffenburg sausen zu lassen.

Mein erster Besuch in Goldbach galt meinem Freund Tino Hasenstab mit bestem Dank für die gute Vorbereitung meines „Blauen Elefanten“.

Ich muss mir das wirklich verdeutlichen, hier an unserer Haustür in der Ringofenstraße bin ich vor 45 Tagen in heftigem Regen gestartet. Heute kehre ich heim mit vielen gigantischen Bildern im Kopf und in der Seele und um zahlreiche Erfahrungen reicher.

Zu allererst bin ich extrem dankbar dafür, dass ich gesund und wohlbehalten zurück bin und da wiederhole ich mich, ohne meine Marion, die mir großzügig den Freiraum für die Realisierung meiner Radträume gewährt, wäre dies nicht möglich. Umso schöner ist es natürlich zu einem solchen Menschen in eine Welt des Vertrauens zurückzukehren.

Ein kleines Fazit:

  • Es war die bisher körperlich anstrengendste meiner drei großen Touren (mag mit dem älter werden zu tun haben !?).
  • Von einem heftigen Schnupfen in der ersten Woche abgesehen und den temporären Schmerzen im rechten Knie gab es keine gesundheitlichen Beeinträchtigungen.
  • Das von Zuhause „wegfahren“ und nicht „heimfahren“ als Ziel, hat mich zumindest in den ersten drei Wochen mental mehr beschäftigt als ich erwartet hatte. Es gab kurze Momente des Heimwehs und an einem „schwachen Tag“ sogar den Gedanken des Abbruchs.
  • Ich hatte erstmals mit wirklich harten Wetterbedingungen zu kämpfen, vor allem der an manchen Tagen extreme Gegenwind und die gefühlte Kälte haben mich echt herausgefordert.
  • Der „Blaue Elefant“ hat sich wieder voll bewährt. Die geänderte Abstufung der Ritzel war die richtige Entscheidung. Wie schon im Baltikum in 2012 blieb ich von jeglichen Pannen verschont, nicht einmal einen Schlauch hatte ich zu wechseln. Lediglich die hinteren Bremsbeläge musste ich ersetzen, sowie die Schaltung etwas nachstellen. Das ist bei über 4000 km eine zwingende Notwendigkeit. Klar habe ich unterwegs das Rad etliche Male gesäubert und die Kette entsprechend geschmiert.
  • Meine Ausrüstung insgesamt hat sich bewährt, vor allem die Investition in die Regenkleidung der Marke „Endura“. Die Jacke ist absolut perfekt. Die Hose auch, allerdings rutscht man in wahrscheinlich jeder Überhose etwas auf dem Sattel. Bei Handschuhen und Überschuhen werde ich weiterhin nach Verbesserungen Ausschau halten.
  • Ich hatte erstmals deutlich weniger überflüssige Ausrüstung dabei. Nach 2000 km konnte ich ungefähr drei kg „Unnützes“ im Hotel deponieren und „Honigbrummler“ hat das einige Tage später für mich mit nach Deutschland genommen.
  • Gezeltet habe ich sehr wenig (nur 4 mal), das war überwiegend den Temperaturen oberhalb des Polarkreises geschuldet. Bei oft niedrigen einstelligen Temperaturen nachts habe ich zumeist die doch etwas wärmeren Holzhäuschen bevorzugt. Ich hatte nicht vor eine Survival-Tour zu fahren.
  • Mein Zelt würde ich trotzdem immer wieder mitnehmen, da es ein gutes Gefühl als „mobil home“ gibt und im „Notfall“ einsetzbar ist.
  • Unangenehme oder gar gefährliche Situationen mit Menschen gab es nicht. Ich bin auf ganz viele sehr nette und hilfsbereite Menschen getroffen. Der Nordländer ist vielleicht nicht so der extrovertierte Menschentyp, aber wenn man offen auf die Leute zugeht, bekommt man meist guten Response zurück.
  • Die gefährlichsten Situationen entstehen immer im Verkehr. Auf den vielen 1000 km Straßenerfahrung, die ich mittlerweile habe, habe ich gelernt damit umzugehen. Das vorausschauende und nach hinten sichernde Fahren erfordert allerdings stete Aufmerksamkeit, insbesondere auch im Hören. Auch hier gilt, die meisten Verkehrsteilnehmer sind sehr faire Partner, vor allem und gerade die LKW-Fahrer.
  • Rentiere, Elche und Füchs waren angenehme Erscheinungen oder Begleiter. Lediglich ein Hund wollte sich mit dem „Blauen Elefanten“ anlegen und natürlich die Ziege in Schweden, die es tatsächlich geschafft hat ihn umzuwerfen.
  • Ich habe deutlich mehr „Gleichgesinnte“ als bei den anderen Touren getroffen. Das hängt mit der exponierten Destination Nordkap zusammen. Witzig war die über 1000 km lange Partnerschaft mit Viktor aus Bad Bentheim.
  • Sehr viel Spaß hat mir wieder die Dokumentation der Tour über den Blog gemacht, wissend dass sich eine Leserschaft zu Hause für meine Beiträge interessiert. Vielen Dank an alle die mich virtuell begleitet haben und vielen Dank für die vielen Kommentare und Wünsche aus der Heimat, das tut sehr gut unterwegs und motiviert wirklich.
  • Mein Traum von der Durchquerung Europas (eigentlich ist es ja eine Durchlängung) ist damit in Erfüllung gegangen und ich habe über 8000 km Europa von Süd nach Nord mit eigener Muskelkraft erlebt. Wenn ich die Tour Helsinki – Berlin aus 2012 dazurechne, bin ich jetzt fast 12000 km in Europa als „Radnomade“ unterwegs gewesen.
  • Mal sehen was die Zukunft so bringt auf diesem Felde. Ich habe etliche Kameraden unterwegs getroffen, die deutlich älter waren als ich. Das lässt hoffen für die nächsten Jahre.

Nach 45 Tagen Berichterstattung sage ich abschließend mit einem der wenigen Worte die ich auf Finnisch kann.

Kiitos!

 

Gestern morgen hatte ich mit dem Finnline Office telefoniert und meine Buchung ohne Kabine umgewandelt in eine „shared cabin“, das bedeutet auf diesen Fähren ein Dreier-Zimmer mit Zufallstreffern. Nach Göteborg hatte ich ja viel Glück mit dem netten Norweger.

In Anbetracht des wenigen Schlafes im Zug und der vor mir liegenden rund 27 Stunden auf dem Schiff war mir der Gedanke eines Bettes sehr willkommen (Aufpreis 97 €).

Das hat auch gut geklappt am Telefon. 30 Minuten später klingelte mein handy und die Lady war wieder dran. Es hätte einen Fehler im System gegeben und es gäbe keine 3er mehr, ich müsste weitere 85 € aufzahlen für ein 2er Zimmer !!!

Da war ich nicht mit einverstanden und bat sie eine Lösung zu finden, zumal die ersten 97 € auch schon auf meiner Kreditkarte gebucht waren. Mehr wäre ich nicht bereit zu zahlen. Sie versprach einen Rückruf in den nächsten 60 Minuten, es dauerte zwar 120 Minuten, aber das Ergebnis ist jetzt, dass ich eine 3er-Kabine für mich alleine habe, zu den bezahlten 97 €.

Ich habe das System nicht verstanden, egal Ergebnis zählt und das ist ein prima Abschluss. Da kann ich heute noch auf Vorrat schlafen für die 3. Etappe mit der DB via Lübeck – Hamburg – Frankfurt nach Aschaffenburg.

Es ist mir tatsächlich gelungen unterstützt von einem Bier und einem Finlandia-Wodka 12 Stunden in völliger Dunkelheit (Innenkabine) zu schlafen. Einfach genial, nochmal 12 Stunden und das Boot ist in Travemünde.

Die erste Etappe ist geschafft. Sowohl der Blaue Elefant als auch ich sind ohne Schäden, mit einer guten Stunde Verspätung, am Hauptbahnhof in Helsinki angekommen.

Coole Nacht – nicht im wörtlichen Sinne zu verstehen. Der sogenannte „Express-Train“ hat aus meiner Sicht an Stationen angehalten, da bleiben nicht mal unsere RegionalExpress-Züge stehen. Jede Station wird über ein Lautsprechersystem in Finnisch, Schwedisch und Englisch angesagt und dabei schaltet sich der Lautsprecher wie mit einem Pistolenschuss ein. Also schlafen war nur so ein bisschen theoretisch möglich.

In Tampere gab es eine halbe Stunde Extra-Aufenthalt, da wurde ein Besoffener morgens um 4:30 Uhr aus dem Zug entfernt. Ich habe in meinem Leben noch nie einen so volltrunkenen Menschen gesehen. Gottseidank war der Typ nicht in meinem Abteil, die Entsorgung fand unmittelbar vor meinem Fenster, sehr professionell durch die herbeigerufene Polizei, statt.

Helsinki habe ich ja vergangenes Jahr schon drei Tage sehr intensiv erkundet und bin gerade mal 500 m aus dem Bahnhof hinausgerollt ins berühmte Café Fazer, um mich an einem genialen Frühstücksbüffet für die zweite Etappe zu stärken.

Später werde ich knapp 18 km aus der Stadt hinaus fahren um auf der Finnlady am Hansa-Kai nach Travemünde einzuchecken. Abfahrt ist um 17:30 Uhr – Ankunft morgen um 21:00 Uhr.

Schuldig bin ich ja noch die blonden Mädels. Here they are !

Knapp einen Kilometer vor dem Fähranleger ist der Vousaari Golfclub, wo ich meinen Finnlandaufenthalt mit dem letzten sündteueren Bier und einem leckeren Burger ausklingen lasse.

 

Das Einchecken mit Fahrrad auf den Schienenersatzverkehr hat mich an etliche Busreisen in Südamerika erinnert. Es ist zunächst kein System erkennbar und trotzdem funktioniert es, egal ob in Argentinien, Bolivien oder eben Finnland.

Gottseidank hat mein Blauer Elefant den sehr rustikalen Transport im Bus untendrin unbeschadet überstanden. Jetzt im Nighttrain nach Helsinki hat er sogar ein gesondertes Gepäckabteil, das passt. Da kann sich die Bundesbahn ein Scheibchen abschneiden, der ganze Zug ist durchgängig mit exzellentem kostenlosen W-Lan ausgestattet.

Ab jetzt (Sonntag 22:00 finnischer Zeit) bin ich, wenn alles klappt, in 60 Stunden in Aschaffenburg. Ein kleiner Höllenritt der gleichzeitig dem langsamen Zurückkommen in die Zivilisation dient.

Ich freue mich, auch wenn das vielleicht blöd klingt, wenn es morgen Abend auf dem Schiff mal wieder Nacht wird. Seit über vier Wochen war es immer hell.