Heimweg – Tag 43 – Montag, 24. Juni

Die erste Etappe ist geschafft. Sowohl der Blaue Elefant als auch ich sind ohne Schäden, mit einer guten Stunde Verspätung, am Hauptbahnhof in Helsinki angekommen.

Coole Nacht – nicht im wörtlichen Sinne zu verstehen. Der sogenannte „Express-Train“ hat aus meiner Sicht an Stationen angehalten, da bleiben nicht mal unsere RegionalExpress-Züge stehen. Jede Station wird über ein Lautsprechersystem in Finnisch, Schwedisch und Englisch angesagt und dabei schaltet sich der Lautsprecher wie mit einem Pistolenschuss ein. Also schlafen war nur so ein bisschen theoretisch möglich.

In Tampere gab es eine halbe Stunde Extra-Aufenthalt, da wurde ein Besoffener morgens um 4:30 Uhr aus dem Zug entfernt. Ich habe in meinem Leben noch nie einen so volltrunkenen Menschen gesehen. Gottseidank war der Typ nicht in meinem Abteil, die Entsorgung fand unmittelbar vor meinem Fenster, sehr professionell durch die herbeigerufene Polizei, statt.

Helsinki habe ich ja vergangenes Jahr schon drei Tage sehr intensiv erkundet und bin gerade mal 500 m aus dem Bahnhof hinausgerollt ins berühmte Café Fazer, um mich an einem genialen Frühstücksbüffet für die zweite Etappe zu stärken.

Später werde ich knapp 18 km aus der Stadt hinaus fahren um auf der Finnlady am Hansa-Kai nach Travemünde einzuchecken. Abfahrt ist um 17:30 Uhr – Ankunft morgen um 21:00 Uhr.

Schuldig bin ich ja noch die blonden Mädels. Here they are !

Knapp einen Kilometer vor dem Fähranleger ist der Vousaari Golfclub, wo ich meinen Finnlandaufenthalt mit dem letzten sündteueren Bier und einem leckeren Burger ausklingen lasse.

 

Heimweg – Tag 42 – Sonntag, 23. Juni

Das Einchecken mit Fahrrad auf den Schienenersatzverkehr hat mich an etliche Busreisen in Südamerika erinnert. Es ist zunächst kein System erkennbar und trotzdem funktioniert es, egal ob in Argentinien, Bolivien oder eben Finnland.

Gottseidank hat mein Blauer Elefant den sehr rustikalen Transport im Bus untendrin unbeschadet überstanden. Jetzt im Nighttrain nach Helsinki hat er sogar ein gesondertes Gepäckabteil, das passt. Da kann sich die Bundesbahn ein Scheibchen abschneiden, der ganze Zug ist durchgängig mit exzellentem kostenlosen W-Lan ausgestattet.

Ab jetzt (Sonntag 22:00 finnischer Zeit) bin ich, wenn alles klappt, in 60 Stunden in Aschaffenburg. Ein kleiner Höllenritt der gleichzeitig dem langsamen Zurückkommen in die Zivilisation dient.

Ich freue mich, auch wenn das vielleicht blöd klingt, wenn es morgen Abend auf dem Schiff mal wieder Nacht wird. Seit über vier Wochen war es immer hell.

 

Rovaniemi – Tag 42 – Sonntag, 23. Juni

75 km / 401 hm / 4:41 h – Gesamt 4152 km / 25280 hm / 257:57 h

In Rovaniemi beende ich meine Nordkaptour nach genau sechs Wochen im Sattel meines „Blauen Elefanten“. Exakt 100 km vor Rovaniemi habe ich bereits gestern diese Entscheidung gefällt.

Kurz vor Rovaniemi erreiche ich “ Santa Claus Village“, eine Art Rothenburg am Polarkreis mit der entsprechenden Anzahl japanischer Touristen.

Das kommt jetzt wahrscheinlich etwas überraschend für den einen oder anderen Leser, hatte ich doch die Losung „Helsinki“ selbst ausgegeben. Ich merke aber schon seit einigen Tagen, dass ich nicht mehr wirklich motiviert bin für dieses Ziel.

Der direkte Weg auf der E 75 – einer Hauptverkehrsader Finnlands – sind rund 850 km, also eine stramme Woche. Sinn gäbe es über die ruhigeren Nebenstraßen, z.B. die Route Eiserner Vorhang o.ä. zu fahren. Das sind egal wie, mindestens weitere 1000 km. Dazu habe ich einfach keine Lust mehr. Ich denke nachvollziehbar, wenn das „Hauptziel“ erreicht ist. Gute 500 km Ausrollen von Kirkenes nach Rovaniemi und Ende der Tour am Polarkreis, das passt für mich.

Ganz nebenbei sehne ich mich nach meiner Frau Marion und auch ein bisschen nach wieder geordneten Verhältnissen. Nomadenleben auf dem Rad macht mir viel Spaß, zumindest für eine begrenzte Zeit. So schön es ist loszuziehen, so schön ist es auch wieder zurückzukehren

Ich werde mich jetzt mittels Bus und Bahn nach Helsinki durchschlagen, wenn alles klappt weiter mit der Fähre nach Travemünde und irgendwie mit der Deutschen Bundesbahn nach Aschaffenburg.

Der erste Schritt ist definiert. Um 18:06 Uhr geht eine kombinierte Bus/Zugfahrt über Oulu nach Helsinki (Arrivaltime: 7 Uhr).

 

Käyrämö – Tag 41 – Samstag, 22. Juni

115 km / 366 hm / 7:21 h – Gesamt 4077 km / 24879 hm / 253:16 h

Der Mittsommertag ist ein Feiertag in Finnland und gilt auch als Flaggentag. An vielen Häusern sieht man die finnischen Fahnen wehen und wie sie wehten, es gab kräftigen Wind und natürlich von vorne in meiner Fahrtrichtung. Gefeiert wird wohl eher am Abend vorher. Ich habe auf der ganzen Strecke kaum Menschen auf ihren Grundstücken gesehen.

Ich starte sehr zeitig in einen sonnigen Tag, der tourtechnisch als langweilig einzuordnen ist. Sodankylä als einzige echte Ansiedlung in Richtung Rovaniemi liegt gegen frühen Mittag im feiertäglichen Tiefschlaf. Keine Menschenseele auf der Gasse, außer ein deutscher Bus aus Kiel dessen Insassen pflichtschuldig die Kirche besichtigen. Kurz vor der Einfahrt ist mein Tacho auf 4000 km gesprungen.

Etwa 10 km hinter Sodankylä überholt mich bergauf ein finnischer PKW und die beiden Männer im Fahrzeug steigen am Ende des Berges aus und stellen sich mir mit einer Flasche Cola in den Weg. Es waren die beiden Schweizer „Goldgräber“ aus Ivalo von denen ich berichtet hatte, auf dem Weg nach Rovaniemi zum Flug nach Hause. Nette Geste fand ich.

Später am Nachmittag, im gerade beginnenden Regen, traf ich eine witzige Französin, die auch schon einige Monate unterwegs ist, mit ihrem Hund im Anhänger, auf dem Weg zum Nordkap. Geplantes Rückkehrdatum – Ende September.

Etwa 65 km vor Rovaniemi der größten Stadt in Nordfinnland (rd. 60 Tsd. Einwohner) am Polarkreis gelegen und Wohnsitz des Weihnachtsmannes, mache ich unmittelbar an der E 75 Station in einem einfachen Motel. Vielmehr Möglichkeiten gab es nicht, außer mit etlichen Umwegskilometern.

Ich werde morgen am frühen Nachmittag in Rovaniemi sein, ob ich mir „Santa Claus Village“ mitten im Sommer antue, weiß ich noch nicht.

 

Peurasuvanto – Tag 40 – Freitag, 21. Juni

116 km / 698 hm / 7:20 h – Gesamt 3962 km / 24513 hm / 245:55 h

Meine beiden letzten großen Touren haben beide am 40. Tag geendet. Das war diesmal im Vorfeld schon klar, dass 40 Tage nicht reichen werden.

Heute ist Mittsommernachts-Vorabend und da wird auch im finnischen Lappland gefeiert. Ich bin hier auf einem schön gelegenen Campingplatz in Peurasuvanto in einer komfortablen Hütte gelandet.

Habe gerade exzellenten Lachs zu Abend gegessen, während um mich rum schon hektisch für die nachher an den Start gehende Karaoke-Party aufgebaut wird. Das Mädel an der Rezeption hat mir gleich beim einchecken gesagt, das es laut und lange werden wird. Was soll's, die Alternative wäre 50 km weiter gewesen, das musste nicht wirklich sein, zumal da bestimmt auch gefeiert wird. Ich gucke mir das mal bei einem Bier ganz relaxt an und dann Augenbinde und Ohrstöpsel und alles ist gut.

Unterwegs hatte ich heute erst einen Italiener getroffen, der ziemlich frustriert über die finnischen Verhältnisse war (Kälte und Kaffeepreise). Anmerkung für Honigbrummler: Könnte der Bruder des schwarzen Mannes von der Meraner Hütte sein !!! Er fährt die Radroute „Eiserner Vorhang“ ist aber erst ganz am Anfang, da muss die Frusttoleranz steigen, ich denke entlang der russischen Grenze wird es noch einige Entbehrungen geben.

Später habe ich in der Gegenrichtung ein nettes, junges Schweizer Pärchen getroffen, die seit Anfang April unterwegs sind. Sie fahren maximal 50 – 60 km am Tag, das ist wenig, ist mit Sicherheit aber eine Altenative zum „Kilometerschrubben“.

In Tankavaara gab es vor rund 150 Jahren den letzten Gold-Rush in Europa. Tatsächlich werden hier noch heute Meisterschaften im Goldwaschen ausgetragen. Gestern auf dem Campingplatz habe ich einen Schweizer gesprochen, der nächsten Sommer nach seiner Pensionierung, sich seinen Lebenstraum als Goldwäscher erfüllen will und gerade auf Vorbereitungstour ist. Auch 'ne coole Geschichte.

Entlang der E 75 ist die Infrastruktur deutlich besser als in Nordschweden und Nordnorwegen. Alle 25 bis 30 km gibt es irgendeinen Kiosk mit leckeren Dingen zum Essen und vor allem Kaffee. Irgendwie habe ich mich an diesen Refill-Filterkaffee gewöhnt.

Langsam aber sicher nähere ich mich wieder dem Polarkreis, diesmal allerdings von Norden kommend.