Ivalo – Tag 39 – Donnerstag, 20. Juni

102 km / 598 hm / 6:15 h – Gesamt 3846 km / 23815 hm / 238:35 h

Ein eher unspektakulärer Tag auf dem Rad entlang der unendlichen Arme und Teile der riesigen Inariseen.

Begonnen hat er mit einem gemeinsamen Frühstück mit meinem Hüttennachbar, einem in Dresden lebenden Österreicher, der mich netterweise morgens zum Kaffee eingeladen hat. Er bricht heute seine Tour hier in Partakko aus gesundheitlichen Gründen ab und versucht irgendwie per Bus wegzukommen.

Gleich nach dem Losfahren wurde ich ungefähr 20 km lang von ungefähr 30 dieser großen Biester regelrecht verfolgt. Ich habe dabei gelernt bis 15 km/h sind sie äußerst geschickt im Angriff, bis 20 km/h können sie nicht mehr wirklich auf mir landen und darüber fallen sie zurück. Blöd war nur, dass in dieser Phase etliche Steigungen zu bewältigen waren und da kamen die Angriffe. Ich blieb Sieger, habe keinen einzigen Stich davongetragen und irgendwann waren sie plötzlich ganz weg.

Smokend Fish war leider heute nicht zu bekommen, aber für ein Lachssandwich hat es gereicht.

Später gab es hie und da noch einige Rentiere und beim Erreichen der E 75 eine der Hauptrouten Nord/ Süd in Finnland plötzlich deutlich stärkeren Verkehr (bin ich nicht mehr gewöhnt). Die Finnen fahren gefühlt aggressiver als die Schweden und Norweger.

Einige größere Regenwolken überbrückte ich mit einer Mittagspause in Inari, dem ehemaligen Hauptort der Region, der allerdings 1944 beim Rückzug der deutschen Truppen dem Erdboden gleichgemacht wurde. In den folgenden Jahrzehnten hat sich das Zentrum der Region hierher nach Ivalo verlagert. Mit rund 4000 Einwohnern schon eine größere Ansiedlung 300 km nördlich des Polarkreises.

Ich habe mir wieder eine dieser praktischen kleinen Hütten gemietet, das ist einfach bequemer als im Zelt.

 

155 km / 998 hm / 9:28 h – Gesamt 3744 km / 23217 hm / 232:20 h

Mit frischem Mut und gut ausgeruht habe ich mich heute in Kirkenes auf den Heimweg gemacht. Im wesentlichen geht es jetzt nach Süden. Die Richtung nach Murmansk habe ich dann doch nicht eingeschlagen, eingedenk meiner Erfahrungen im vergangenen Jahr in Kaliningrad, zieht es mich mit dem Fahrrad nicht nach Russland.

Nach 50 km lag Norwegen hinter mir und ich rollte über die finnische Grenze in ein Seen- und Waldgebiet, welches im Vergleich zu den arktisch kargen Etappen der letzten Tage vor dem Nordkap, richtig erfrischend für Auge und Gemüt wirkte. Ab jetzt gilt die finnische Zeit, das heißt + 1 h.

Rentiere gab es heute auch noch einmal ganz viele. Die haben im Moment Kälber und das sieht putzig aus, wenn das Kleine hinter seiner Mama herspringt.

Es wurde ein intensiver Radtag und ich näherte mich rasch den Inariseen, wohl eine der größten Seenlandschaften Europas. Hier gibt es auch die großen Inari-Mücken, bisher bin ich allerdings weitgehend verschont geblieben.

Tagsüber war ich ziemlich fest auf Zelten eingestellt, es war ordentliches Radwetter in kurzer Hose, allerdings ein wärmeres Teil muss ich oben anhaben. Je länger ich in den Abend hineinfuhr, desto frischer wurde es und eine dunkle Wolkenwand am Horizont ließen es mir angeraten sein, hier auf einem winzigen Zeltplatz in Partakko, ein warmes Hüttchen zu beziehen.

Bilder gibt es heute nicht, dafür langt hier die Ladefrequenz nicht. Das hole ich beim nächsten Wi-Fi nach, spätestens in Ivalo.

 

Kirkenes – Tag 37 – Dienstag, 18. Juni

Die Passage auf dem Schiff nach Kirkenes war ein echter Relaxtag und -nacht. Bei fantastischem Wetter sind wir in der Barentssee entlang der Nordküste Europas gefahren.

Mitternachtssonne satt und große Aufregung als einige Wale am Schiff vorbeizogen.

Das Buffett zum Dinner entsprach den Anforderungen, die Hansarthur kommentiert hatte und ich habe mir mit bester Seafood wirklich den „Bauch vollgeschlagen“.

In der Nacht hatte ich das gesamte Panoramadeck für mich und habe hervorragend bis zum Frühstück um 7:00 Uhr geschlafen.

Gegen 9:30 Uhr werden wir in Kirkenes sein, was die Norweger übrigens „Schirkenes“ aussprechen.

Die Region hier oben hatte im Zweiten Weltkrieg eine große Bedeutung. Kirkenes wurde maximal bombardiert, da die Deutschen von hier aus vergebens versucht haben die Versorgungslinie der Allierten über Murmansk in den Griff zu bekommen. Die russische Grenze ist gerade mal 10 km entfernt und die finnische rund 50 km.

Kirkenes ist wie die meisten Städte hier oben mit rd. 4000 Ew. sehr übersichtlich.

Ich habe einen kundigen Radschrauber gefunden, der mir glaubhaft versichern konnte, dass Kurbeln und Tretlager absolut in Ordnung wären, wo letztlich das Geräusch herkommt ist offen geblieben, scheint aber nicht wirklich relevant zu sein.

Am Nachmittag habe ich das Rad gründlich sauber gemacht, meine Wäsche gewaschen und diverse Einkäufe für die einsamen Straßen im finnischen Lappland getätigt. Damit ist klar, ich mache mich morgen nach dem Fruhstück auf den ca. 1500 km langen Weg hinunter nach Helsinki in Südfinnland. Die Wetterprognosen unterstützen dieses Vorhaben und ich habe jetzt einfach Lust noch einige Tage in grober Richtung Heimat zu radeln.

Somit könnte sich eine große Kurve durch Europa auf meiner persönlichen Radkarte schließen, bin ich doch im vergangenen Jahr von Helsiniki aus nach Berlin gefahren.

 

Heute ist ein absolut radfreier Tag. Ich bin nur vom Hotel zum Schiffsanleger rund 150 m gerollt und habe auf der MS Nordkapp der Hurtigruten-Linie nordgehend eingecheckt, die mich in 19 Stunden quasi „oben rum“ nach Kirkenes bringt.

Ankunftszeit 9:00 morgens. In Kirkenes werde ich den Dienstag bleiben. Irgendwie klackt es in meinem Tretlager, das hoffe ich morgen vor Ort klären zu können.

Motivation und Stimmung nach der gestrigen Zielankunft sind hoch und so reift der Gedanke immer mehr von Kirkenes durch Finnland bis Helsinki zu fahren. Das sind „breiter Daumen“ runde zwei Wochen quasi zum Ausrollen.

Entscheiden werde ich das morgen in Kirkenes.

 

Nordkap – Tag 35 – Sonntag, 16. Juni

71 km / 1352 hm / 4:45 h – Gesamt 3589 km / 22219 hm / 222:48

Morgens gab es noch Regen in Honningsvåg, im Laufe des Tages klarte es auf und blauer Himmel zeigte sich. Gegen 15:00 Uhr hielt mich nichts mehr und ich machte mich auf den Weg mein Ziel zu erreichen.

Es war der optimale Tag. Nach einer Stunde anspruchsvoller Fahrt sah ich das Kap in der Ferne winken, allerdings ging es nochmal bis fast auf Meereshöhe hinab um schließlich im finalen Anstieg nach einer knappen weiteren Stunde und rund 35 km und ca. 700 Höhenmetern ganz oben in Europa anzukommen.

Als mich die freundliche Dame an der Zahlstation beglückwünschte und mir freie Zufahrt gewährte war ich tatsächlich mit meinem „Blauen Elefanten“ am nördlichsten Punkt Europas angekommen.

Die Emotionen suchten sich ihren Weg und ich heulte erstmal glücklich vor mich hin.

Ein strahlender Nachmittag mit fantastischem Licht, völlig windfrei und mit einer sehr übersichtlichen Anzahl an Touristen. Das hatte ich mir in meinen kühnsten Vorstellungen so erhofft und jetzt war es Realität.

Die Fotos am Globus sind ein Muss und klar, dass man als Radfahrer auch Fotoobjekt für den einen oder anderen Touristen ist.

Viktor kam ungefähr eine Stunde später und wir freuten uns über unsere Zufallskameradschaft seit Vilhelmina in Schweden. Bei einem Schnäpschen und einem Kaffee verabschiedeten wir uns. Er fährt morgen früh zeitig mit den Hurtigruten nach Süden, ich im Laufe des Nachmittags nach Norden.

Die gut zweistündige Rückfahrt genoss ich bei herrlicher Abendstimmung mit schnell abnehmenden Temperaturen, auch in dem Bewusstsein, dass ca. 50 Busse die mir entgegenkamen gut 2000 Leute zur Mitternachtssonne nach oben karrten.

Jetzt gegen 23:30 Uhr im Hotel bin ich dankbar und glücklich, dass ich diese Tour in den letzten fünf Wochen gesund und ohne Probleme erleben durfte und mir damit meinen Traum von der Durchquerung Europas in zwei Teilen von Gibraltar zum Nordkap, mit eigener Muskelkraft, erfüllt habe.